Die Spvgg. 08 Bad Nauheim ist ein Exot im Wetterauer Fußballkreis. Sie ist der klassenniedrigste Verein, der noch eine komplette Jugend hat. Woran liegt das? Ein Interview mit dem Vereinsmanager.

Die Zahl der Jugendmannschaften im Wetteraukreis sinkt. Die Zahl der Spielgemeinschaften wächst derweil. Selbst höherklassige Klubs mit Tradition haben inzwischen Probleme, in jeder Altersklasse ein Team zu melden. Nicht so die Spvgg. 08 Bad Nauheim, dabei rangiert der Verein mit der »Ersten« nur in der Kreisliga A Friedberg. Zum Rundenstart des Fußballnachwuchses am Wochenende ein Besuch bei 08-Vereinsmanager Bernd Held auf der Suche nach Antworten für das Phänomen.
Herr Held, Ihr Verein gehört zu den wenigen im Kreis, die jede Altersklasse in der Jugend mit mindestens einer Mannschaft besetzt haben. Investieren Sie mehr als die anderen?

Bernd Held: In der Form von Geld nicht unbedingt, in der Form von Zeit ja. Personalplanung im Jugendbereich entwickelt sich über Jahre. Als ich 2011 bei der Spvgg. 08 Bad Nauheim angefangen haben, gab es fünf Teams im Juniorenbereich, heute sind es zwölf. Der Verein hat mich als Vereinsmanager machen lassen und so haben wir bis 2015 durchgehend alle Mannschaft besetzen können. Dazu werden alle Kräfte im Verein benötigt. Ich glaube einfach, dass eine Jugendspielgemeinschaft der Anfang vom Ende ist. Als Verein verliere ich so Identität, denn für verschiedene Altersklassen gibt es verschiedene Spielgemeinschaften und am Ende wissen weder Spieler noch Trainer, für wen sie eigentlich spielen. Viele Vereine geben in meinen Augen zu schnell die Verantwortung in eine JSG ab. Das liegt aber auch daran, dass sie vorher ihre Hausaufgaben nicht machen. Ich schreibe akribisch jeden Monat auf, wie viele Spieler kommen, gehen, inaktiv werden – und wie es im Vergleich zur Vergangenheit aussieht. So kann ich sagen, an welchem Schräubchen ich drehen muss.
Was benötigen Sie außer Zeit noch?

Held: Sicherlich benötigt man den entsprechenden Vorstand und die Ehrenamtlichen, die ihre Aufgaben erfüllen, die sich weiterbilden und ansprechbar sind. Darüber hinaus bezahlen wir aber auch schon mal für einen Spieler eine Aufwandsentschädigung für den Ausbildungsverein, sodass er zu uns wechseln kann, wenn er das denn möchte. Das ist heute einfach gang und gäbe. Aber wir machen auch Aktionen, indem wir Spieler beim Führerschein unterstützen oder helfen, einen Praktikums- oder Ausbildungsplatz zu finden. Wir schreiben Kitas an, arbeiten mit AGs mit den Schulen zusammen, nehmen an den »Kekstagen« der Stadt teil oder holen Fußballschulen zu Besuch. So sind wir immer im Gespräch. Es gilt, Spieler und Eltern zu überzeugen. Nur deshalb platzen wir heute aus allen Nähten.

Die Vereine müssen sich selbst mehr in die Pflicht nehmen, anstatt den bequemen Weg in eine JSG zu gehen

Wie finanzieren Sie die Aufwandsentschädigungen, die Marketingaktionen oder den Trainings- und Spielbetrieb?

Held: Wir haben die Mitgliedsbeiträge sowie einige Sponsoren und die Sportförderung. Die Kosten müssen im Rahmen bleiben. Wichtig ist uns aber, dass es nicht an Trainingsausstattung oder Weiterbildungen für Betreuer scheitert. Deshalb bekommt die erste Mannschaft anders als in anderen Vereinen aber auch nicht das gesamte Geld.
Wie gehen Sie damit um, dass nach der Jugend vergleichsweise wenige Spieler für die erste Mannschaft bleiben?

Held: Das ist bei vielen natürlich eine Frage des Geldes. Da können und wollen wir die Anforderungen von vielen Spielern auch nicht erfüllen, um kein Ungleichgewicht zu schaffen. Natürlich wollen wir A-Jugendspieler, die in die erste Mannschaft gehen und dort bleiben. Das ist aber genauso schwierig wie bei allen anderen Vereinen, vor allem bei den Spielern, die sich für Höheres berufen fühlen. In diesem Jahr ist es uns bereits gelungen, einige Spieler in den Seniorenbereich zu integrieren, in den nächsten beiden Jahre haben wir noch mehr Spieler, die aus der Jugend kommen, von denen wir mindestens die Hälfte halten wollen.
Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?

Held: Es geht vor allem um Zeit und die richtigen Mittel. Geld ist meist ein sehr kurzfristiges Mittel. Wir bezahlen keine Spieler, um zu uns zu kommen, sondern entschädigen lediglich den Ausbildungsverein. Vielmehr geht es darum, Spielern und Eltern kontinuierlich zu zeigen, was wir mit welcher Qualität tun. Es geht darum, dass die Eltern wissen, dass ihre Kinder gut bei uns aufgehoben sind. Das fällt uns auch nicht immer leicht, etwa wenn Aktionen tagsüber stattfinden, aber wir kriegen es hin und zeigen, dass wir da sind. Wir haben das DFB-Mobil geholt, schicken allen unseren Mitgliedern Weihnachtskarten oder machen Willkommensgeschenke. Dafür muss man Geld in die Hand nehmen. Für einen warmen Händedruck kommt heute niemand mehr.
Ist es für einen Verein schwieriger geworden, attraktiv für den Nachwuchs zu sein?

Held: Man muss sich anpassen. Die Schule ist heute länger, dann muss eben später trainiert werden. Was die Konkurrenz zu anderen Sportarten angeht: Die gab es früher auch schon. Man darf zudem nicht einfach kapitulieren, auch wenn man mal einen Spieler verliert, der lieber schwimmt oder Tennis spielt. Probleme hatte man früher schon und man hat sie auch heute noch immer – es sind nur andere. Als Verein muss ich mich darauf einstellen.

Für einen warmen Händedruck kommt heute niemand mehr

Inwiefern ist der Verband gefordert?

Held: Ich bin beispielsweise kein Freund von der neuen Regel, dass in der G-Jugend nur noch sechs statt sieben Spieler auf dem Feld stehen, oder dass im Seniorenbereich das Norweger-Modell mit weniger Spielern gespielt werden soll. So kommt man dem Negativtrend nur entgegen, anstatt etwas dagegen zu tun. Die Verbände fördern eigentlich fast alles, aber wenn ein Verein keinen Schiedsrichter hat, wird er bestraft, anstatt die zu fördern, die welche haben. Meines Erachtens gibt man auf der falschen Seite nach, weil man mit aller Gewalt versuchen will, die Zahlen auf einem bestimmten Niveau zu halten. So funktioniert das aber langfristig nicht. Die Vereine müssen sich selbst mehr in die Pflicht nehmen, anstatt den bequemen Weg in eine JSG zu gehen.
Wie sehen Sie die Perspektive des Wetterauer Jugendfußballs?

Held: Viele Vereine haben die Flinte schon ins Korn geworfen. Die Städte wachsen durch die vielen Neubaugebiete kontinuierlich. Da muss man als Verein da sein, die Kinder und Eltern ansprechen, die Trainer darauf ansetzen und kontinuierlich Werbung machen. Ansonsten werden die Mannschaftszahlen weiter sinken, sodass wir auch in den jungen Jahrgängen noch mehr Spielgemeinschaften haben werden oder es Vereine gibt, die gar keine Jugend mehr haben.

Info Zur Person: Bernd Held

Bernd Held ist in Freiberg am Neckar aufgewachsen und im dortigen Fußballverein sportlich groß geworden. Er war für verschiedene Fluggesellschaften als Manager tätig, unter anderem in Chile und im Senegal. So wohnte und arbeitete er unter anderem in Ludwigshafen, Stuttgart, Frankfurt, Rodgau und zog schließlich seiner Frau zuliebe nach Rodheim in die Wetterau. Währenddessen war der 66-Jährige immer im Fußball tätig. 2003 trat er bei der SG Rodheim ein, seit 2011 ist er bei der Spvgg. 08 Bad Nauheim engagiert, wo er zunächst Jugendleiter war. Heute ist der seit 2014 verrentete Baden-Württemberger lizenzierter Vereinsmanager. Dafür investiert er rund 30 Stunden Zeit pro Woche.